Interaktiv Spezial Bodenarbeit Zirkus Reiten/Fahren Zucht Gesundheit/Haltung Mix
Startseite Reiten/Fahren Allgemeines zum Reiten Kompensationsverhalten beim Pferd

Reiten/Fahren


Westernreiten Fahrsport und Kutsche Allgemeines zum Reiten

Kompensationsverhalten beim Pferd



Buchtipps Pferdesachen bei eBay Inhaltsverzeichnis Werbung Tinkerwelt Impressum Haftungsauschluß

Kompensationsverhalten beim Pferd


Was versteht man unter „Kompensationsverhalten“ und wie kommt es zustande?

Zur Erläuterung dieses Begriffes soll ein kurzes Beispiel aus der Praxis dienen:

Ein Reiter mit Ausbildungsniveau A hat sich vor einem halben Jahr ein 6-jähriges Pferd gekauft. Der Verkäufer versichert ihm, dass das Pferd über einen Ausbildungsstand von L verfügt. Der neue Besitzer versucht nun - im Rahmen seiner Möglichkeiten - sein Pferd weiter auszubilden und in seinen Fähigkeiten weiter zu entwickeln.

Die Leistungsbereitschaft des Pferdes lässt jedoch schon nach kurzer Zeit deutlich nach: es wird unter dem Sattel und im Umgang widersetzlich, die geforderten Lektionen führt es nur widerwillig aus und verweigert zunehmend:es verweigert vor dem Sprung,

es führt verlangte Dressurlektionen nicht aus,

es buckelt und geht in Stresssituationen durch

es beginnt, gegen die Hand und die Einwirkung des Reiters zu arbeiten,

es kommt zu aggressivem Verhalten gegenüber Artgenossen und im täglichen Umgang mit dem Menschen. Durch das widersetzliche Verhalten des Pferdes wird inzwischen auch der Reiter aggressiv, da er nicht weiß, was dieses Verhalten auslöst und wie er das Verhalten des Pferdes ändern soll. Er ist inzwischen sogar bereit, das Pferd wieder zu verkaufen.

Dies ist allerdings nicht nötig, denn das zu beobachtende Verhalten des Pferdes lässt sich eindeutig als Kompensationsverhalten deuten. Denn dadurch, dass das Pferd nicht gymnastiziert wird, Hilfengebung, Sitz und Einwirkung des Reiters nicht eindeutig und korrekt sind, Rücken- und Bauchmuskulatur des Pferdes nicht gefestigt sind und auch nicht trainiert werden, der Reiter noch nicht über ausreichende Erfahrung im Umgang mit dem Pferd und seinen Verhaltensäußerungen verfügt, entwickelt das Pferd zunehmend psychische und physische Überlastungssymptome. Es versucht ständig, die auftretenden Schmerzen durch den falschen Sitz und die falsche Einwirkung zu vermeiden (zu kompensieren) sowie seine Angst vor diesen Schmerz zu beherrschen. In der Folge entwickelt sich die Muskulatur an den falschen Stellen. Das Pferd verspannt und verkrampft sich. Es kommt zu Fehlverhalten beim Satteln, beim Aufsteigen etc.

Wie dieses alltägliche Beispiel zeigt, versucht das Pferd ständigdie – aus seiner Sicht – widersprüchlichen Hilfen umzusetzen, damit umzugehen oder sie zu umgehen,

seine körperlichen Schmerzen zu vermeiden (Verweigerung vor dem Sprung etc.)

seinem Fluchtinstinkt zu folgen (Durchgehen in Stresssituationen),

seinem Stress Luft zu machen (Bocken etc.). Durch seinen Versuch, diese für das Pferd negativen Einflüsse zu kompensieren, entwickelt es die kurz beschriebenen Verhaltensweisen, die man deshalb als Kompensationsverhalten bezeichnet.

Im Wesentlichen liegen diesen Verhaltensweisen Auslöser aus vier Bereichen zugrunde:

Reiter:Qualität und Stand der Reitausbildung, Kenntnis der Hilfengebung, Klarheit der Ausführung, Sitz und Einwirkung,

Erfahrung im Umgang und in der Ausbildung von Pferden,

Persönliche Fähigkeiten wie Führungsqualitäten, Persönlichkeit, Charakter etc. Pferd:sein Gebäude, bestehend aus Körperbau, Skelett, Muskel- und Sehnen-komplex, Wirbelsäule etc.

sein Charakter und seine Persönlichkeit

seine Erfahrungen

sein Ausbildungsstand

sein Gesundheitszustand Zusammenspiel von Reiter und Pferd:die Fähigkeit des einen Partners, sich auf die Eigentümlichkeiten des anderen Partners einzustellen,

die Fähigkeit des Pferdes, die Hilfen des Reiters zu verstehen und umzusetzen,

die Fähigkeit des Reiters, korrekte und für das Pferd verständliche Hilfen zu geben,

im Gegenzug dazu das Gespür des Reiters, das aus seinen Hilfen resultierende Verhalten des Pferdes richtig zu interpretieren,

die Fähigkeit des Reiters, den Rhythmus und Bewegungsablauf des Pferdes aufzunehmen bzw. eine fehlende Übereinstimmung zu erkennen. Äußere Rahmenbedingungen:Sattel und Zaumzeug,

Hufbeschaffenheit, Beschlag, etc.,

Fütterung und Haltung,

Form des Umgangs mit Pferden im reiterlichen Umfeld allgemein. Diese kurze Aufstellung ist selbstverständlich nicht vollständig. Vielmehr soll sie anhand der kleinen Beispiele verdeutlichen, von welcher Vielfalt an Einflussfaktoren das Verhalten eines Pferdes im täglichen Reitbetrieb abhängt und wie leicht es durch die Störung des Gleichgewichtes all’ dieser Faktoren zu unerwünschtem Kompensationsverhalten kommt.



Welche Auswirkungen hat Kompensationsverhalten?

Das skizzierte Kompensationsverhalten muss man – aufgrund seiner Ursachen – als ein nicht normales Verhalten des Pferdes einstufen. Am Beispiel des Kompensationsverhaltens, das Schmerzen vermeiden soll, lässt sich dies gut verstehen: wenn wir uns einmal selbst beobachten, wie wir uns z.B. unter einem Ischiasschmerz bewegen – soweit es uns dann überhaupt möglich ist – sehen wir, wie gebückt und verkrampft wir uns bewegen, um diese Schmerzen zu vermeiden oder zu lindern.

Ein gleiches Verhalten legen Pferde an den Tag, die zum Beispiel Blockaden im Lendenwirbelbereich aufweisen. Auch sie unterliegen einem ähnlichen Schmerz und versuchen diesen durch kompensierendes Verhalten und verändertem Bewegungsablauf zu vermeiden.

Die Folge ist daher, dass ein (z.B. Schmerz) kompensierendes Pferd nicht seine volle Leistungsfähigkeit erbringen kann, da es für seine Kompensation Energie aufwenden muss, durch falsche Körperhaltung seine Muskeln verkrampft und erforderliche Muskeln nicht einsetzt. Vielmehr trainiert es die für die Kompensation benötigten Muskelgruppen und baut somit unnötige Muskelmasse an den falschen Körperstellen auf.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Muskulatur nahezu immer völlig verkrampft ist. Der Aufbau dieser Kompensationsmuskulatur ist somit für die geforderte Leistung kontraproduktiv.

Zum anderen beeinträchtigen kompensierende Bewegungsabläufe die saubere und korrekte Ausführung von Lektionen. Die klare, saubere und korrekte Ausführung eines – an sich dem Pferd angeborenen und damit natürlichen – Bewegungsablaufes wie z.B. dem Trab wird deutlich gestört und behindert durch eine verkrampfte Muskulatur, einer Überlastung von Sehnen und Bändern oder auch des Kreuzdarmbeinbereiches. Das Pferd wirkt hölzern, tritt mit den Hinterbeinen kurz oder macht Taktfehler und benötigt zu Beginn des Trainings viel Zeit, um sich „einzulaufen“.

In einer Dressurprüfung führt dieses Verhalten unweigerlich zu schlecht ausgeführten Lektionen und damit zu Punktabzug. In der Beurteilung stehen dann Bemerkungen wie: „ Taktfehler im Schritt“, „nicht korrekt gerittene Übergänge“, „Widersetzlichkeit bei Paraden“, „nicht durchgesprungener Außengalopp“, „Stellungs- und Biegungsfehler“, „schlechte Serienwechsel“, „ausdruckslose Piaffe“ und andere Fehler.



Was kann man dagegen tun?

Die Antwort ist so einfach gegeben, aber nur mit Mühe in der Praxis umgesetzt: die Auslöser für Kompensationsverhalten vermeiden bzw. beseitigen.


Was geschieht, wenn die Ursachen für das Kompensationsverhalten beseitigt sind?

Ohne die oben angedeuteten Auslöser zeigen Pferde auch kein Kompensationsverhalten, so dass die Aufgabe darin besteht, die auslösenden Faktoren zu identifizieren und zu beseitigen. Als Folgen zeigen sich durchweg positive Veränderungen im Verhalten des Pferdes, die wiederum die Freude des Reiters an seinem Pferd und seinem Reitsport verstärken. Die zu erwartenden Verbesserungen lassen sich wie folgt grob skizzieren:

eine bessere Gesundheit des Pferdesdie Ursachen für körperliche Schmerzen sind beseitigt, kompensierende Körperhaltungen oder –bewegungen sind nicht mehr nötig.

Verkrampfungen der Muskulatur (Kompensationsmuskulatur) werden vermieden,

Durchblutung der Muskulatur und Muskelaufbau werden verbessert,

die Verletzungsrisiken für z.B. Fesselträgerentzündungen, Sehnenschaden durch veränderte Körperhaltung u.ä. werden deutlich reduziert,

die Kosten für tierärztliche Behandlungen sinken spürbar. eine Weiterentwicklung der Fähigkeiten des Reitersim Umgang mit seinem Pferd

in der Beherrschung seines reiterlichen Handwerks

eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit des Pferdes

der Aufbau von Kompensationsmuskulatur und der Energieverbrauch durch die Beanspruchung dieser Muskulatur wird vermieden,

das Training der natürlichen und benötigten Muskelgruppen führt zu deren Stärkung und Entwicklung,

Kondition und Kraft des Pferdes nehmen zu. eine bessere Ausführung von Reitlektionendie Qualität der Ausführung wird besser, da zum einen störende Bewegungsabläufe fehlen, zum anderen die Konzentration des Pferdes weniger gestört ist,

Turniererfolge stellen sich leichter ein. Auch wenn sich erste Erfolge schon relativ kurzfristig einstellen, dürfen diese Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Beseitigen von Kompensationsverhalten ein länger andauernder Prozess sein kann. Ein Verhalten, dass sich über längere Zeit eingeprägt hat, kann nur durch regelmäßige und sensible Umgewöhnung mit Hilfe positiver Bestätigung abgebaut werden.



Fazit

Pferde mit Kompensationsverhalten sind nicht in der Lage, alle ihre Fähigkeiten auszuspielen. In vielen Pferden steckt mehr Potential! Wir verlangen unseren Pferden meist ein sehr hohes Leistungsniveau ab. In der wahrscheinlich überwiegenden Zahl der Fälle wollen unsere Pferde das verlangte Niveau auch leisten. Die aufgezeigten Ursachen für Kompensationsverhalten verhindern dies jedoch in (zu) vielen Fällen.

Weitere Informationen, Anregungen, Tipps und Kostenloses finden Sie unter www.reitertipps24.com. Das Zentrum für Reitförderung.